22.10.2009, 0:11:01
Kategorie: Fotographie
/p/ – ein so spezielles wie gutes Foto-Forum
4chan wird wohl einigen Leuten ein Begriff sein. Falls nicht: 4chan ist eins der weltweit größten Foren, genauer: es ist ein Imageboard. Essentieller Bestandteil der Kommunikation ist ein Bild, das an jede Antwort geheftet werden kann (wovon auch dementsprechend Gebrauch gemacht wird). Im „normalen“ Teil der Welt hat die Seite einen alles andere als guten Ruf, was auf eine Sache zurückzuführen ist: „/b/“, das „Random“-Unterforum. Hier tummeln sich die meisten Benutzer, und es gibt hier quasi keine Regeln. Demensprechend dreht sich alles um dummes Gerede, Insider-Witze, Trollen anderer Benutzer (die sehr wahrscheinlich auch trollen), Pornos, Unfallbilder und vieler weiterer Dinge, die sehr vielfältig von lustig zu unverständlich zu extrem widerwärtig reichen – eben Sachen, mit denen Jugendliche untereinander krampfhaft nach Anerkennung streben können. Wichtig ist auch zu bemerken, dass auf 4chan jeder grundsätzlich anonym ist; es gibt eine Art Registrierung, die aber nur von einem Bruchteil der (auch regelmäßigen) Benutzer ausmachen.
Was dabei gerne übersehen wird ist, dass /b/ nur ein einziges dutzender Unterforen der Seite ist. In den anderen sorgen Moderatoren für die Einhaltung der Regeln, die von Forum zu Forum variieren (quasi-regelfrei ist nur /b/). Diese Unterforen decken einen sehr weiten Themenbereich ab, ich habe bis jetzt nirgendeo ein vielfältigeres Angebot gefunden.
/p/ ist das Fotoforum von 4chan, und auch hier hat sich, wie in den restlichen Unterforen, eine Art stabile Anarchie gebildet. Genau wie in anderen Foren gibt es hier einen Verhaltenskodex, der weniger durch die Moderatoren, sondern vielmehr durch das Kollektiv der Benutzer aufrechterhalten wird. Im Kontrast zu /b/ sind diese selbstauferlegten Regeln alles andere als der Unterhaltung dienlich, sie fördern vielmehr den Austausch auf positive Weise. Prominentestes Beispiel sind wohl die Bildabmessungen; ein beliebter Fehler von Neuankömmlingen ist es, ihre Bilder in voller Größe hochzuladen. Diese werden dann grundsätzlich als „Watermelon“ bezeichnet (da der Download sich anfühlt, als wolle man eine riesige Wassermelone durch die Leitung pressen) und nur wenig sinnvoll kommentiert.
Nun, bis jetzt klingt das nicht sehr positiv, „Justiz eines selbsternannten Knipserhaufens“ – die Vorteile werden einem erst nach einiger Zeit klar, die erste Berührung mit den dortigen Umgangsformen ist meist etwas abschreckend. Der Primäre Grund, warum ich /p/ für besser als jedes andere mir bekannte Fotoforum halte, sind aber genau diese Umgangsformen: Hier ist sich keiner zu schade, einem direkt hinzuschreiben, dass das gepostete Foto blanker Müll ist. Auf /p/ halten sich Leute auf, die nur mit jahrzehnte alten Mittelformatkameras und Handbelichtungsmesser knipsen, es gibt professionelle Fotographen, es gibt gute Digital-Amateure, und es gibt Anfänger. Der große Unterschied zum normalen Foto-Foren-Benutzer liegt in der Haltung dieser Personen: selbstkritisch und interessiert, Eigenschaften die man woanders gerne mal vermisst. Wer hier ein schlechtes HDR postet, der wird direkt ignoriert (weil er „offensichtlich“ ein Troll ist) oder zum Teufel gejagt. Wenn ein Bild zwar ästhetisch ist, aber von wenig Auseinandersetzung mit dem Motiv zeugt (mangelnde Komposition), dann wird es nicht für hervorragend befunden. Hier wird niemand für ein mieses Bild in den siebten Himmel gelobt, hier hat niemand einen Bonus aufgrund seines Kenntnisstandes. Letztendlich ist genau das der Knackpunkt an /p/: Bedingungslose Ehrlichkeit. Dementsprechend glaubhaft ist es auch, wenn einem 90 % der Benutzer eine positive Kritik geben: das Bild ist dann wirklich gut. Das heißt jetzt aber nicht, dass man ein Profi sein muss: Wenn erkennbar ist, dass sich der Fotograph Mühe gegeben hat, bekommt er mitunter sehr ausführliche Bildkritiken mit allen möglichen Details und Kniffen, die man sonst nur weit hinten in Fachliteratur zu hören bekommt.
Schattenseiten hat /p/ nur wenige. Sicherlich wird es einige Benutzer geben, die noch nie derart hasserfüllte Beiträge gelesen haben, wie sie manche Trolle dort abgeben. Hierfür kann ich allerdings schnell Entwarnung geben: gegen soetwas wird man schnell immun, nicht sinnvolle/hilfreiche Kritik lernt man einfach zu überlesen. Was auch so manchen Neuling stören wird, ist die Kurzlebigkeit: Zehn Themen pro Seite, zehn Seiten. Rutscht ein Thema auf Seite 11, wird es schlicht gelöscht – ein Archiv gibt es nicht. Auch hieran gewöhnt man sich schnell. Dritter Punkt: Man mag hier Diskussionen über Kamera-Ausrüstung („gear“) nur ungern, man solle lieber Bilder statt Kameras posten. Solche Diskussionen enden schnell in Flamewars (typisch: Canon gegen Nikon). Einzelne Technische Fragen werden gut beantwortet, „Hey /p/, suggest a camera for me“ gehen in der Regel nach hinten los. Wenn man so darüber nachdenkt, mit was für Optiken vor 50 Jahren Bilder gemacht wurden, ist dieses Verhalten eigentlich auch sinnvoll; außerdem macht die Kamera einen Fotographen ebenso besser wie ein neuer Hammer einen Zimmermann. Sicher, das Werkzeug ist ein Faktor, aber der muss erstmal auf etwas vorhandenes aufgebaut werden.
Sollte jemand Interesse bekommen zu haben zumindest einmal reinzuschnuppern, hier ein paar nützliche Hinweise:
- Wie im Text schon angedeutet, gilt die 1000-Pixel-Regel: Die lange Bildseite sollte 1000 px nicht überschreiten. Zuwiderhandlungen werden manchmal als „(digital) Watermelons“ bezeichnet.
- Es gibt eine Pseudo-Registrierung, welche mit „Tripcode“ bezeichnet wird. Mit ihrer Hilfe kann man sich eindeutig als Autor seiner anderen Posts identifizieren. Näheres dazu findet man im FAQ von 4chan.
- /p/ ist worksafe, es dürfen also nur Bilder gepostet werden, bei denen einen niemanden schräg ansehen würde, würde man sie sich auf der Arbeit ansehen. Beschimpfungen dagegen sind legal – einfach ignorieren, an sowas stört sich dort niemand.
- Nicht vergessen, die EXIF-Daten mitzuspeichern. Das Forum bietet eine direkte Anzeigemöglichkeit dieser Daten an.
- Ein neuer Beitrag verschiebt das Thema wieder ganz nach oben auf Seite 1. Dabei gibt es zwei Ausnahmen, bei denen das nicht (mehr) passiert: Wenn das Thema 100 Antworten erreicht hat (um die Kurzlebigkeit zu wahren, und ein Thema nicht über tausende Beiträge und Monate auf Seite 1 zu haben, da darin ohnehin schon über völlig andere Dinge als zuvor diskutiert werden würde), oder wenn als eMail-Adresse „sage“ eingegeben wurde (das ist Sache des Autors der Antwort, die Beweggründe sind verschieden und erschließen sich einem schnell). Beiträge hinter Seite 10 sind unwiederbringlich verloren.
- „Fag“ (wörtlich „Schwuchtel“) ist hier i.d.R. keine Beleidigung, sondern vielmehr ein selbstironisches Suffix für „Person“. „Filmfags“ sind z.B. Personen, die mit Film-Fotoapperaten unterwegs sind.
20.10.2009, 14:22:27
Kategorie: Fotographie
HDR.
HDR ist eine durch die Digitalfotographie aufgekommene Möglichkeit, den (technisch bedingt) begrenzten Dynamikumfang einer Kamera zu korrigieren, und so die Bilder näher an die bei der Aufnahme tatsächlich gesehene Realität zu bringen; die „Realität“ meint hier „das, was das Auge tatsächlich gesehen hat“. Es ist ein Werkzeug, keine Einstellungsmöglichkeit, und insbesondere kein Effekt. Loszuziehen, „um ein HDR zu schießen“ ist daher ein völlig falscher Ansatz. Nur weil man von einem langweiligen Motiv mehrere Aufnahmen macht, drei Regler herumschiebt, und dann den Computer den Rest machen lässt, hat das Bild noch längst keine ästhetische Daseinsberechtigung. Es würde wohl auch niemand auf die Idee kommen „Ich gehe jetzt nach draußen, schieße nur Bilder bei f/1.8, und drehe hinterher am PC den Sättigungsregler ganz nach oben“.
Nun ja, wann schießt man denn dann ein HDR? Ganz einfach: wenn einem bei der Aufnahme auffällt, dass die Kamera mit dem Dynamikumfang überfordert sein wird. Implizit heißt das, dass man erstens ein von sich aus bereits gutes Motiv gefunden hat, zweitens sich schon Gedanken über die Komposition des Bildes machte, und drittens ausgeschlossen hat, dass sich das Bild in einer normalen RAW-Datei abbilden lässt, ohne dass einem die Schatten absaufen und/oder die Lichter überstrahlen. Dann, und erst dann, hat ein HDR eine Daseinsberechtigung.
20.10.2009, 0:22:22
Kategorie: Fotographie
Brennweitenverlängerung, Cropfaktor, …
Es hat wohl schon jeder mal irgendwo gelesen, dass eine Festbrennweite von 50 mm auf einer Cropkamera (d.h. eine mit „Brennweitenverlängerung“, „anderer effektiver Brennweite“, …) zu einem Teleobjektiv von ca. 75 mm wird. Das ist wenig sinnvoll (bis falsch), sowohl aus fotographischer, wie auch aus physikalischer Sicht.
Leider wurde im Deutschen für Cropkameras eine unpassende Begrifflichkeit eingeführt, die der „Brennweitenverlängerung“. Sogar im Handbuch meiner Kamera steht, dass man die Brennweiten der Objektive mit 1,5 multiplizieren muss, um zu einer äquivalenten Brennweite einer Kleinbildkamera (35-mm-Film, „der normale Film“ eben) zu gelangen. Der englische Begriff „Crop“ (wörtl. „stutzen“) trifft das Phänomen dabei viel besser: Schraubt man ein normales Objektiv auf eine Cropkamera, wird einfach nur die Bildmitte aufgenommen, und der Rand des Bildes, welcher auf 35-mm-Film noch Platz gefunden hätte, einfach verworfen. Das ist das gleiche, wie wenn man einfach die Ränder des Films mit Kreppband abkleben würde. Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was das mit der Brennweite zu tun hat, schließlich ist in meiner Abklebe-Erklärung überhaupt keine Rede von irgendwelchen optischen Größen. Die Antwort ist simpel: Die Form des Sensors hat keinerlei Auswirkungen auf die Brennweite. Ein 50-mm-Objektiv bleibt immer ein 50-mm-Objektiv, völlig egal auf welche Kamera man es schraubt, selbst wenn deren Sensor dreieckig und groß wie ein Auto ist.
Wenn jetzt natürlich das halbe Bild ohnehin nicht auf dem Sensor landet, ist es natürlich wirtschaftlicher, die Objektive einfach kompakter zu bauen. Das spart Rechenzeit (da bei der Entwicklung die Optiken nur in einem kleineren Bildkreis korrigiert werden müssen) und Material. Bei Nikon werden solche Objektive mit „DX“ bezeichnet. (Auf eine Kleinbildkamera geschraubt fehlt natürlich der Rand; das Bild ist dann kreisförmig oder zumindest stark vignettiert.)
Bleibt noch die Frage, was „die 1,5“ (für Nikon; andere Hersteller haben andere Sensorgrößen, ergo andere Cropfaktoren) dann noch sollen. Nun ja, wenn ein Bild beschnitten wurde, und man es wieder auf Normalgröße vergrößert, dann erweckt es natürlich den Anschein, dass hereingezoomt wurde. Wie schon beschrieben, sind die optischen Eigenschaften aber völlig unverändert geblieben. Man hätte ebenso statt „Brennweitenverlängerung“ einen Begriff wie „Rückwärts-Lauf-Faktor“ einführen können, denn ein Schritt rückwärts vergrößert das Bild schließlich auch in ähnlicher Weise.
Rückwärts laufen ist wohl auch genau das, was man in der Praxis am häufigsten machen wird, und da kommt ein neues Phänomen dazu: Die fokussierte Distanz. Will man den gleichen Bildausschnitt mit einer Vollformat- und einer Cropkamera aufnehmen, muss man bei der Cropkamera nach hinten gehen und dann natürlich auch den Fokus auf eine größere Entfernung einstellen, um das Hauptobjekt scharf zu bekommen. Jetzt ist die Fokussierung aber längst nicht linear, d.h. ihr Verhalten ändert sich je nach fokussierter Distanz. Ein auf 2 m eingestelltes Objektiv hat z.B. bei einer bestimmten Blende Schärfentiefe von 1,5 bis 3 m, während bei Fokussierung auf 5 ein weit größerer Bereich scharf wird (sagen wir mal 4-8 m). Das Crop-Objektiv muss auf eine größere Distanz fokussieren (da man ja weiter hinten steht), ergo steigt auch die Schärfentiefe. Die Brennweitenverlängerung erhöht aber scheinbar die Brennweite, was seinerseits zu einer Verringerung Schärfentiefe führen müsste – mit der Schärfentiefe macht der Crop-Faktor also das blanke Gegenteil von dem, was in der Realität passiert!
Nächster Punkt: Die Blendenzahl des Objektivs müsste sich ändern. „Blendenzahl“ bezeichnet das Verhältnis von Brennweite zu Blendenöffnung (wie weit das Loch im Objektiv ist), bezeichnet z.B. durch „f/5.6“ oder „1:5.6“. Hat schon mal jemand von einem Blendenvergrößerungs-Faktor gelesen? Den gibt es genausowenig wie es eine Brennweitenverlängerung geben sollte.
Blöderweise gibt es keine sinnvolle Beschreibung des Crop-Phänomens, die sich korrekt in einen einfachen Faktor zusammenfassen lässt, und da der Großteil der Konsumenten ihre 1000-Euro-DSLR nicht anders benutzen als eine Point'n'Shoot-Kamera, interessiert es auch niemanden wirklich, wie das jetzt tatsächlich mit der Brennweite ist. Der Einfachheit halber hält sich so der Begriff der Brennweitenverlängerung wohl noch bis zu dem Zeitpunkt, an dem alle Kameras Kleinbild-Sensoren haben – und das wird noch viele Jahre dauern.
Eine Zusammenfassung der wichtigsten Punkte:
- Die Brennweite des Objektivs ist völlig unabhängig von allem außer der Bauart des Objektivs. Verschiedene Kameras haben keinerlei Einfluss.
- Bei gleichem Bildausschnitt haben Crop-Kameras eine höhere Schärfentiefe als Kleinbildkameras. Das ist genau das Gegenteil von dem, was eine „Brennweitenverlängerung“ verursachen sollte.
- Es gibt keinen leicht verständlichen Crop-Faktor. Es ist leichter die optische Theorie zu lernen, als das Phänomen ordentlich und allgemeinverständlich zu beschreiben.
Ich hoffe, dass ich alles Relevante klären konnte; zum Abschluss möchte ich noch das konkrete Beispiel aus der Einleitung aufschlüsseln: das 50-mm-Objektiv, das auf einer Cropkamera zu einem 75-mm-Portrait-Objektiv wird. Nun, was macht ein Portraitobjektiv aus? Hauptsächlich zwei Dinge: Die Schärfentiefe, und das Größenverhältnis unterschiedlich weit entfernter Dinge im Bild. Die Schärfentiefe wird beim zurücklaufen kleiner, also „weniger standard-portrait-artig“; das Größenverhältnis bleit fast konstant, wirklich drastische Auswirkungen hat dieser Aspekt nur bei sehr extremen Brennweiten (Tele: Alles zusammengestaucht, Weitwinkel: Vordergrund sticht extrem hervor), bei 50/75 mm ist er in der Praxis nicht bemerkbar. Fazit: Es verschieben sich die optischen Eigenschaften der Kamera, aber nicht in die gleiche Richtung. Das Objektiv wird nicht mehr Tele, mehr Weitwinkel oder mehr irgendwas. Es ändert sich der Sensor, hört auf die Auswirkungen irgendwie ins Objektiv packen zu wollen.